Book of Kells

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Fol. 182v/183r: Textzierseite, Beginn des Berichtes zur Kreuzigung nach Markus (15,24).

Book of Kells

8. Jahrhundert – Trinity College Library, Dublin, Ms. 58 (A.I.6)

Das um 800 von irischen Mönchen geschaffene Evangeliar galt seinen Erschaffern und Nutzern als Hauptreliquie der westlichen Welt. Der Farbreichtum und die Komplexität der Ornamente und Miniaturen machen das Werk zu einem Höhepunkt frühmittelalterlicher Buchkunst.


Einer der geheimnisvollsten Kunstschätze


Mystisches Zeugnis frühen irischen Christentums

Irische Mönche waren es, die nach der stürmischen Völkerwanderungszeit den christlichen Glauben durch ihre aufopfernde Missionierung während des 5. bis 7. Jahrhunderts in Europa verbreiteten. Die uralte irisch-keltische Kultur vermischte sich mit den von den Mönchen von ihren weiten und gefährlichen Reisen mitgebrachten Eindrücken. In dieser Zeit, die man oft »die Zeit der Heiligen und Gelehrten« nennt, bildeten irische Klöster einflussreiche kulturelle und geistige Zentren Europas. Auf dem Höhepunkt irischer Mönchskultur entstand ihr kostbarstes Werk ­ das Book of Kells.

Ein Meisterwerk ­ – vor 1200 Jahren geschaffen

Das Book of Kells wurde vermutlich im Kloster Iona um das Jahr 800 von unbekannten, genialen Künstlern geschaffen. Ein erster Hinweis auf seine Existenz findet sich in einem Bericht von 1007 über einen Diebstahl in der Kirche von Kells, in dem das Buch »Das große Evangeliar des Columcille, die Hauptreliquie der westlichen Welt« genannt wird.

Bald darauf wurde das in Kells vergrabene Buch aufgefunden. Es blieb in Kells, bis man es während der Regierungszeit Cromwells aus Sicherheitsgründen nach Dublin brachte. Um 1661 übergab es Henry Jones, Bischof von Meath, dem Trinity College. Seither wird es in der Bibliothek des College in Dublin gehütet.

Höhepunkt frühmittelalterlicher Buchkunst

Kaum ein anderes Werk besitzt eine solch ungeheure Symbolkraft und magische Ausstrahlung wie dieses prachtvolle Evangeliar. Das Geheimnisvolle gründet vor allem im Reichtum und in der Komplexität seiner Dekoration. Der Eindruck der Heiligkeit des Textes wird durch eine Ausgestaltung, die übernatürlich anmutet, bestärkt.

Aufgrund einer stilistischen Analyse der Schmuckelemente kann das Book of Kells einer künstlerischen Tradition zugeordnet werden, die sich auch in anderen Kunstwerken dieser Epoche findet. Aber für eine genauere Datierung und Herkunftsbestimmung der Handschrift aus ihrem ursprünglichen historischen und geographischen Hintergrund heraus sind die Beweise nicht eindeutig.

Buchstaben werden zu Bildern ­ – Bilder zu Buchstaben

Das Book of Kells enthält vor allem die vier Evangelien. Aber auch andere Texte fanden Aufnahme: etwa am Anfang der Handschrift Kanontafeln, die die Konkordanzverzeichnisse enthalten, die von Eusebius von Cäsarea zusammengestellt worden waren, oder für das Kloster Kells wichtige besitzrechtliche Urkunden. Der lateinische Text wurde in stolzer insularer Halbunziale geschrieben, die wie auch die Illumination einen Höhepunkt irischen Kunstschaffens darstellt.

Das Book of Kells muss in einem Skriptorium entstanden sein, das selbst die ausgeklügelten Finessen der Handschriftenherstellung beherrschte, denn nur mit einem äußerst fundierten technischen Wissen und hervorragenden Kenntnissen über vergangene und zeitgenössische Kunst war es möglich, eine solche Fülle symbolhafter und geheimnisvoller Darstellungen zu schaffen.

Einzigartige Fülle von Ornamenten und Farbe

Das Book of Kells enthält so manche Miniatur des frühen Mittelalters, die zu den schönsten zählt, die je geschaffen wurde. Bis auf zwei sind alle Seiten dieser Handschrift mit einer fast unbeschreiblichen Fülle symbolträchtiger und mystischer Malerei ausgeschmückt. Die Handschrift beeindruckt sowohl in der Anzahl als auch in der Größe der Pergamentseiten, die durchschnittlich die Maße von 33,0 x 25,0 cm aufweisen. Es wurde nicht für den täglichen Gebrauch und auch nicht für das Studium gefertigt, sondern sollte ein geheiligtes Werk sein und an hohen Festtagen auf dem Altar das Wort Gottes repräsentieren.

Das Buch enthält die vier Evangelien als den heiligsten Text der Christenheit, aber auch vielfältigste Zitate, die sehr lustig sind. So erscheint auf einer Seite eine Maus, die eine Hostie gestohlen hat. Sie wird von einer Katze quer über das Blatt verfolgt (fol. 48r). Beim biblischen Zitat »Niemand kann zwei Herren dienen« setzt sich der Anfangsbuchstabe des lateinischen Wortes N(emo) (niemand) aus zwei Männern zusammen, die sich gegenseitig am Bart ziehen.

Die Faksimile-Edition ­ – Ein Kunstwerk für sich

Die Faksimile-Edition besteht aus einer aufeinander abgestimmten Einheit von Faksimileband, wissenschaftlichem Kommentarband und einer Schmuckkassette. Die Auflage ist weltweit auf 1480 numerierte Exemplare beschränkt, wobei 740 Exemplare für den angelsächsischen Raum reserviert sind.

Die 680 Seiten umfassende Handschrift wird bis ins kleinste Detail und vollkommen originalgetreu im Format von ca. 33 x 25 cm wiedergegeben. Sie entstand in einzigartiger Verbindung modernster technischer Verfahren und hochqualifizierter Handarbeit.

Der Einband besteht aus feinstem weißen Leder. Die den Originalseiten entsprechend randbeschnittenen Bogen wurden von Hand auf vier echte Bünde geheftet.

Der Kommentarband

Der Kommentarband umfasst 400 Seiten. Die Experten: Dr. J.J. Alexander, Professor für Kunstgeschichte am Institute of Fine Arts, New York; Anthony Cains, Leiter der Restaurierungsabteilung, Trinity College Library, Dublin; Geraóid MacNiocaill, Professor für Geschichte, University College Galway; Dr. Patrick McGurk, Dozent für Geschichte des Mittelalters, Birbeck College, University of London, und Dr. Bernard Meehan, Leiter der Handschriftenabteilung, Trinity College Library, Dublin. Herausgeber der deutschen Ausgabe des Kommentarbandes ist Prof. Dr. Anton von Euw, Konservator am Schnütgen-Museum Köln und Professor für mittelalterliche Kunstgeschichte an der Universität Köln. Der weltbekannte Autor Umberto Eco verfasste ein mitreißendes Vorwort.

Die speziell entworfene Schmuckkassette

Elementare Formen aus dem Book of Kells spiegeln sich in den Beschlägen und Prägungen in Silber und Messing. Die für die Faksimile-Edition in aufwendiger Handarbeit geschaffene Schmuckkassette schützt das wertvolle Faksimile.

Stimmen zum Werk


Book of Kells

»So it is good news that a full facsimile edition has been made of the Book of Kells, which is generally acknowledged to be the supreme achievement of the art of the decorated book (...)«

(Es ist gut zu hören, dass eine Vollfaksimile­-Edition des Book of Kells gemacht wurde. Das Book of Kells ist in allgemeiner Übereinstimmung als die höchste Vollendung der illuminierten Handschriften anerkannt...)


The Times, 01.01.1990

Book of Kells
Faksimiles - Nische für Bibliophile oder Weltkulturerbe für alle?

»Es ist noch nicht allzu lang her, dass Wissenschaftler, die mit alten Texten arbeiten wollten, zu den Bibliotheken mit kostbaren Handschriftenbeständen reisen mussten. (...) Inzwischen werden immer mehr Handschriften digitalisiert. (...) Greifbarer sind genaue Nachbildungen der alten Schriften. Meist mittelalterliche Handschriften werden so originalgetreu wie möglich nachgeahmt - so, dass normale Betrachter solche Bände vom Original nicht unterscheiden können.

Gerade sind in einer Ausstellung im Arnsberger Kloster Wedinghausen einige dieser Wunderwerke der Kopierkunst ausgestellt, darunter das 1200 Jahre alte Book of Kells und das weltberühmte Stundenbuch des Herzogs von Berry.

Julie Metzdorf hat mit Sammlern und Händlern über Faksimiles gesprochen. Sind sie ein Weltkulturerbe für alle? Oder ein Disneyland für Bibliophile?«

Der Podcast der Sendung ist hier abrufbar, der Faksimile-Beitrag beginnt bei Minute 27:42 und dauert bis Minute 42:55.

BR 2 - Kulturjournal, 22.04.2012

Technische Daten

Format: 33,0 x 25,0 cm
Umfang: 680 Seiten
Auflagen: 1480 Exemplare, davon 740 Exemplare für den angelsächsischen Raum

Fol. 7v: Die Muttergottes mit dem Kind am Beginn des Matthäus­evangeliums. Diese Darstellung ist für ein Evangeliar äußerst unge­wöhnlich.