Mercatoratlas

Vorheriges Nächstes
Der aufgeschlagene Band zeigt Fol. 204v/205r, Karte B der dritten Lieferung 1595: Europa mit benachbarten Kontinenten, geschaffen von Rumold Mercator nach den Vorlagen seines Vaters Gerhard, der großen Weltkarte von 1569 sowie der Europakarte von 1572.

Mercatoratlas

16. Jahrhundert – Berlin, Staatsbibliothek - Preußischer Kulturbesitz, 2° Kart. 180/3

Das wegweisende Werk, das den Begriff »Atlas« erst in seinem heutigen Verständnis etablierte, liegt in einer besonders schön kolorierten Version der Staatsbibliothek Berlin vor. Diese »Editio Principissima« folgt in der Reihenfolge der Karten exakt der ihres Erscheinens.


Der Mercatoratlas von 1595 – Der erste WeltATLAS


Ein Buch macht Geschichte

1595 erschien der dritte Teil eines für die Geschichte unseres Weltbildes wegweisenden Werkes: Gerhard Mercator hatte es »Atlas« genannt, und damit einem Buchtyp den Namen gegeben, der bis heute als Synonym für gebundene Kartenwerke, aber auch für umfassende Darstellungen einer ganzen Wissensdisziplin gilt. Mercators »Atlas« sollte eine umfassende Beschreibung der gesamten Welt werden, eine Kosmografie, dieses Unternehmen konnte er jedoch nicht mehr verwirklichen. Was er aber vollbrachte, ist eindrucksvoll genug: Die drei Lieferungen seines »Atlas« sind ein Kartenwerk, das seinerzeit von ungekannter Präzision, Systematik und Schönheit war und bis heute unsere Sicht der Welt prägt. Mercator setzte so im wahrsten Sinne des Wortes Maßstäbe.

Ein Universalgelehrter in den Turbulenzen seiner Zeit

Gerhard Mercator wurde am 5. März 1512 im flämischen Rupelmonde (bei Antwerpen geboren) und erhielt wesentliche Impulse seiner Ausbildung durch den Löwener Goldschmied Gaspard van der Heyden und den Naturwissenschaftler Gemma Frisius. 1537 erschien sein Erstlingswerk, die Wandkarte des Heiligen Landes in sechs Blättern. 1544 entging er nur knapp dem Tod, denn er wurde wegen Ketzerei angeklagt und sechs Monate in seiner Heimatstadt gefangen gesetzt. 1552 übersiedelte er mit seiner Familie nach Duisburg im toleranten Herzogtum Kleve-Jülich-Berg, wo er bis zu seinem Tod 1594 lebte und arbeitete – hochgeehrt und wohlhabend. Gerhard Mercator war ein echter Universalgelehrter und betätigte sich als Mathematiker, Philosoph, Theologe, Historiker, Geograf sowie Kartograf, aber auch als praktischer Handwerker: Kupferstecher, Globenhersteller, Hersteller von Vermessungsinstrumenten. Typisch für die Zeit ist die umfangreiche Korrespondenz mit anderen Humanisten und Gelehrten. Für Mercator hatten diese Kontakte auch praktischen Nutzen: Mercator sammelte so topografische Informationen, die er dann in seine Karten einarbeitete.

Die Mercatorprojektion

Mercators größtes Verdienst war die Erfindung der Mercatorprojektion, erstmals realisiert in der großen Wandkarte der Welt in 21 Blättern von 1569. Diese Projektion erlaubte die erste winkeltreue Darstellung der Erde und war damit von unschätzbarem Wert für die Navigatoren seiner Zeit. Mercatorkarten entwickelten sich zum Kassenschlager. Selbst der Pirat Ihrer Majestät, Francis Drake, segelte nach Mercators Karten. Ganz nebenbei räumte Mercator auch mit einer päpstlichen Lehrmeinung auf, wonach der Nordpol im Himmel verankert sei: Seine Weltkarte von 1569 zeigt den »Magnetberg« auf der Erde und, der Realität entsprechend, nicht am geografischen Nordpol. Die Mercatorprojektion liegt sogar der heutigen Satellitennavigation zugrunde. Kein Wunder, dass Mercator bereits zu Lebzeiten als Verkörperung des legendären griechischen Geografen Ptolemäus gepriesen wurde und bis heute als Vater der Kartografie gilt.

Die Karte als Kunstwerk

Mercators Atlas von 1595 besticht nicht nur durch seine Detailgenauigkeit und seine Systematik, sondern auch durch seinen ausgesprochen künstlerischen Charakter. Mercators Epoche war die der Renaissance, und noch über Jahrhunderte bildeten Information und Ästhetik keinen Widerspruch. Die erstmalige Verwendung der italienischen Kursivschrift, die Ausgestaltung der Wasserflächen mit Fischen und Schiffen, die Positionierung der Kartentitel in aufwendigen, fast dreidimensional erscheinenden Kartuschen mit heraldischer Anmutung – dies und noch vieles mehr macht den Mercatoratlas zu einem Kunstwerk von besonderem Rang.

Das Exemplar der Staatsbibliothek zu Berlin

Mercators Weltatlas ist der erste Atlas mit einem einheitlichen Koordinatensystem, einem einheitlichen Kartenschlüssel sowie einem unabhängig von verwendeten Vorlagen eigenständig festgelegten Blattschnitt. Es wurden durchgängig brillante Kupferstiche verwendet, größtenteils von Mercator selbst angefertigt. Bedingt durch dieses Produktionsverfahren waren die Karten bei Auslieferung schwarzweiß. Wohlhabende Käufer veranlassten dann nicht nur die Bindung ihres persönlichen Exemplars, sondern auch dessen Kolorierung. Sie ist in dem für die vorliegende Faksimilierung ausgewählten Exemplar der Berliner Staatsbibliothek besonders erlesen und macht das Druckwerk zu einem handbearbeiteten, unverwechselbaren Original. Für die Wahl des Berliner Exemplars sprach auch der relativ gute Erhaltungszustand sowie die Tatsache, dass es sich um eine »Editio Principissima« handelt: Die drei Lieferungen wurden exakt in der Reihenfolge ihres Erscheinens gebunden. Damit beginnt auch unser Faksimile mit den Karten zu »Gallia« (BELGIUM und GERMANIA), bringt im zweiten Teil die kartografische Darstellung von ITALIA, SCLAVONIA, ET GRAECIA und endet mit dem dritten Teil, der nicht nur Welt- und Kontinentalkarten sowie Regionalkarten von Nord- und Osteuropa enthält, sondern auch eine Lebensbeschreibung Mercators sowie einen eindrucksvollen Doppelepitaph: Der Meister war vor Erscheinen dieses dritten und letzten Teils gestorben. Diese Abfolge ermöglicht somit einen Blick in die Arbeitsweise Mercators und einen Einblick in seine Biografie.

Die Faksimile-Edition

Die Faksimile-Edition des Mercatoratlas von 1595 ist die erste nach den strikten Kriterien des Faksimile-Verlags angefertigte Reproduktion dieses bahnbrechenden Werkes: Vollständigkeit, größtmögliche Originaltreue in Erscheinungsform und Kolorit sowie die Erschließung durch einen profunden Kommentarband sind hier mustergültig realisiert. Es fehlen auch nicht die umfangreichen Registerteile sowie die längeren Textpassagen (z.B. über die Erschaffung der Welt und ihre kartografische Gestalt) und die historisch wichtigen Informationen zur staatlichen und konfessionellen Gliederung der dargestellten Gebiete. Alle Seiten wurden mehrfach mit dem Original verglichen, beim Druck wurde äußerster Wert auf die Farbstabilität und die Originalnähe des Papiers gelegt. Der dunkelbraune Rindsledereinband wurde ebenso dem Original nachgebildet wie die Blind- und Echtgoldprägungen auf Vorder- und Rückseite des Werkes, der Sprengschnitt auf drei Seiten des Buchblocks und die Doppelbünde am Buchrücken. Dem alten Brauch entsprechend, wurden alle Karten auf Fälzel aufgezogen, die in den Bund gebunden wurden. Dadurch lässt sich jedes Kartenblatt vollständig öffnen – es gibt keinen Schwund im Bund. Die Edition wurde im Originalformat 28,0 x 41,0 cm reproduziert und umfasst 558 Seiten, davon 107 größtenteils doppelseitige Karten.

Der Kommentarband

Der umfangreiche Kommentarband des Kartografiehistorikers Dr. Thomas Horst gibt nicht nur einen Überblick über die Kartografiegeschichte vor Mercator sowie über Leben und Leistungen des Meisters, sondern auch nützliche Erklärungen zu jedem einzelnen Kartenblatt. Alle Karten sind zur leichteren Benutzung sowie für persönliche Anmerkungen nochmals verkleinert abgedruckt.

Technische Daten

Format: 28,0 x 41,0 cm
Umfang: 558 Seiten (davon 107 Karten)
Fol. 113v/114r, Karte Y der ersten Lieferung 1585: Im Mittelpunkt die Region Salzburg und Kärnten. Die Gebirgszügen sind in typischer Maulwurfshügelmanier gehalten; Titel in Rollwerkkartusche.
Fol. 125v/126r, Karte 1 der zweiten Lieferung 1589: Der italienische Stiefel im wellenförmig dargestellten Meer samt damals üblichem graphischem Beiwerk wie Schiffe und Fabelwesen; Titelkartusche mit Fruchtwerk.
Fol. 208v/209r, Karte E der dritten Lieferung 1595: Der amerikanische Doppel- und der mythologische Südkontinent sowie drei Nebenkarten außerhalb der Hemisphäre. Nachahmung der großen Weltkarte Mercators durch seinen Enkel Michael Mercator.