Unter der Lupe - Mai 2012

Das um 980, in ottonischer Zeit, in Trier oder auf der Reichenau entstandene Perikopenbuch, benannt nach dem Auftraggeber Erzbischof Egbert von Trier, ist eine der künstlerisch wertvollsten Bilderhandschriften des Mittelalters.

Egbert Codex (fol. 79v)


Die Magie von Gesten und Blicken

In der Miniatur von der Gefangennahme Christi aus dem Egbert-Codex hat der unbekannte Maler mehrere Handlungsstränge verdichtet. Dr. Norbert Wolf über die Details eines Meisterwerks.

A POSTOLI – PETRVS – IVDEI – IHC.XRC. Lapidar künden goldene Buchstaben auf den beiden Purpurstreifen quer durchs Bild von den Protagonisten bei der Gefangennahme Christi. Die Miniatur fol. 79v eröffnet die Karfreitagslesung aus der Johannespassion. Zusätzlich verdichtet sie inhaltliche Passagen aus dem Matthäus- und Markusevangelium zu spannungsgeladener Simultaneität. Zwei stilisierte Ölbäume bezeichnen den Schauplatz, den Garten Gethsemane.

Linker Hand werfen die flüchtenden Apostel einen gehetzten Blick zurück: dorthin, wo Petrus rittlings auf dem da hockenden Malchus sitzt. Gleich wird er ihm ein Ohr abschneiden und von Christus dafür getadelt werden: » ... alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen ...«. Christus hat seine Hand gegen den mit großen Augen aufschauenden Petrus ausgestreckt. Die Blicke der beiden begegnen sich im geistigen Spannungsfeld des Zwischenraums. Besonders an diesem Fokus zeigt sich das kompositorische Können dieses Buchmalers, seine Fähigkeit zur Magie der Gesten bis in die Fingerspitzen hinein, zur Psychologie der Blickkontakte über Distanzen hinweg.

Die Raumzäsur bleibt hier indes im Unterschied zu vielen Miniaturen der Handschrift nicht leer, sondern ist erfüllt von den Gestalten überraschend festlich gekleideter Juden, die, ebenso wie die Häscher am rechten Bildrand, Jesus an den Armen packen – ein paar Knüppel über den Köpfen bezeichnen formelhaft die Gewaltbereitschaft und konterkarieren den verräterischen Friedenskuss des Judas. Von vorn tritt dieser an Christus heran und legt ihm die Hände auf die Schultern. Auch bei ihm erstaunt, dass er in feierliches Rot und Weiß gekleidet und physiognomisch nicht ins Negative verzerrt ist. Beide Gestalten verschmelzen formal und inhaltlich zu einer Schicksalsgemeinschaft aus Gut und Böse. Alles ist im Ratschluss Gottes vorherbestimmt – deshalb hat auch alles seinen festen Platz in der Komposition, die trotz des tumultuarischen Sujets Ruhe und Größe ausstrahlt.

Autor



Dr. Norbert Wolf


Dr. Wolf, Kunsthistoriker aus München, verfasste unter anderem das Werk
»Galerie der schönsten Bücher« des ­Faksimile Verlags.