Gebetbuch Karls des Kühnen

Vorheriges Nächstes
Der aufgeschlagene Band zeigt auf fol. 45r in der Hauptminiatur Maria mit dem Kind, zärtlich umfasst von der heiligen Anne. eine Bordüre mit Streublumen und Akanthusrangen, Vögeln und einer Phantasiegestalt mit zwei Köpfen rahmt die Szene.

Gebetbuch Karls des Kühnen

15. Jahrhundert – Los Angeles, Getty Museum, Ms. 37

Das persönliche Gebetbuch des burgundischen Herzogs Karl der Kühne, erkennbar an drei Porträts des Auftraggebers, ist auf jeder Seite reich verziert und mit Gold ausgestattet. Der Codex spiegelt so den Luxus Burgunds wider und nimmt eine Schlüsselstellung in der Geschichte der flämischen Buchmalkunst ein.


Kostbar wie der Burgunderschatz


Eine Schlüsselstellung in der flämischen Buchkunst

Bis heute dauert der Ruf Burgunds an als ein mächtiges Reich, geprägt von einem strengen Hofzeremoniell und einer legendär gewordenen Luxusliebe, die im 15. Jahrhundert ganz Europa beeindruckte. Damals gelang der altniederländischen Malerei der Durchbruch zu wunderbaren Schöpfungen, die mit Namen wie Jan van Eyck oder Rogier van der Weyden verbunden sind. Es war vor allem die Buchmalerei mit ihrer liebevollen Naturbeobachtung, die wesentliche Impulse für die Kunst lieferte.

In dieser Zeit ließ Karl der Kühne, Herzog von Burgund, von Lieven van Lathem, dem Wiener Meister der Maria von Burgund sowie dem Schreiber Nicolas Spierinc ein Gebetbuch zum persönlichen Gebrauch anfertigen, das heute im Getty Museum in Los Angeles gehütet wird: das Gebetbuch Karls des Kühnen. Es legt Zeugnis davon ab, dass der mächtigste Mann in Europa auch als Mäzen nicht seinesgleichen hatte – ist doch das Buch Seite für Seite mit Gold ausgestattet! Für Antoine de Schryver, den ausgezeichneten Kenner des Gebetbuchs Karls des Kühnen, besetzt das Werk gar »eine Schlüsselstellung in der Geschichte der flämischen Buchmalkunst«.

Jede Seite reich verziert mit Gold im Überfluss

Auf 159 Folios im Format 12,4 x 9,2 cm entfaltet sich in insgesamt 47 Miniaturen die überbordende Pracht burgundischer Bücherliebe. Die zeichnerische Fabulierlust setzt sich bis in die erfindungsreichen Bordüren fort, wo sich zwischen farbigem Akanthus und Goldpollen ungezählte Drôlerien, Menschen und Vögel tummeln. Drei Porträts des Auftraggebers belegen die sehr persönliche Beziehung Karls zu seinem Gebetbuch.

Auch die Textseiten beeindrucken durch reichen Schmuck. Die feine Kalligraphie wird von mehr als 360 Initialen auf zumeist ziseliertem Goldgrund gegliedert; jede Textseite ist zudem mit einer ornamentalen Bordüre verziert. So spiegelt das Gebetbuch Karls des Kühnen Seite für Seite Pracht und Luxus Burgunds wider.

Innovatives Zentrum der Kunst

Als Lieven van Lathem und der Wiener Meister der Maria von Burgund wirkten, war Flandern neben Paris das innovative Zentrum der Kunst in Europa. Reiche Bürger wie mächtige Herrscher forderten immer prächtigere Bilderhandschriften und neue Ideen im künstlerischen Ausdruck. Die immense Nachfrage nach bibliophilen Preziosen spornte die Buchmaler zu immer neuen Höchstleistungen an – nicht zuletzt deshalb, weil erstmals in der Geschichte der Buchmalerei ein Großteil für den freien Markt hergestellt wurde, was begabten Künstlern zu atemberaubenden Karrieren verhelfen konnte.

Lieven van Lathem – Hofmaler Kaiser Maximilians

Zeit seines Lebens wirkte Lieven van Lathem als Buchmaler im Kulturraum Flandern, zwischen Gent und Brügge, Antwerpen und Utrecht. Um 1430 geboren, war er zuerst Mitglied der Malergilde in Gent, später, bis zu seinem Tod 1490, Mitglied der Lukasgilde in Antwerpen. Aufgrund seines überragenden Talents wurde er schon früh Hofmaler Herzog Philipps des Guten, des Vaters Karls des Kühnen. Später berief ihn auch Kaiser Maximilian I. an seinen Hof.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts galt das flämische Antwerpen als Zentrum der Landschaftsmalerei; aber es war van Lathem mit seiner stimmungsvollen Kunst, der den Weg dahin bereitet hatte.

Der Wiener Meister der Maria von Burgund – unbekannt und doch berühmt

Ein Name ist mit der Malschule von Gent-Brügge untrennbar verbunden: der des Wiener Meisters der Maria von Burgund – gerühmt für seine Ausdruckskraft, wenn es darum ging, feine Gesichter oder bewegtes Muskelspiel auf Pergament lebendig werden zu lassen.

Seine Identität ist nicht gelüftet, doch vermuten viele Kunsthistoriker in ihm Alexander Bening, den Vater Simon Benings, des letzten großen Meisters aus Flandern. Mit dem Gebetbuch Karls des Kühnen betrat er erstmals die künstlerische Bühne, und schon hier erhält die Kunstwelt einen Eindruck von diesem einmaligen Talent.

Die schwungvolle Schrift – ein Kunstwerk für sich

Als Schreiber für sein Gebetbuch konnte Karl der Kühne mit Nicolas Spierinc Burgunds berühmtesten Kalligraphen verpflichten. Spierinc ist freilich nicht nur die gelungene Schönschrift zu verdanken, er schmückte viele Seiten auch mit wunderbaren Kadellen, also mit Buchstaben, die kunstvoll mit Linien in Schrifttinte verziert wurden. Zum Teil wurden die Kadellen sogar zusätzlich mit mattglänzendem Gold gefüllt – ein Schimmern, das auch im Faksimile originalgetreu wiedergegeben wird.

Die Faksimile-Edition

Das Gebetbuch Karls des Kühnen im Format 12,4 x 9,2 cm entfaltet auf 318 Seiten die legendäre Pracht burgundischer Bibliophilie. Die weltweit streng limitierte Auflage von nur 980 handnumerierten Exemplaren macht die Faksimile-Edition zu einem Meisterwerk der Buchkunst mit Seltenheitswert.

Wie im Original ist das frische Kolorit der Farben und die feine Unterscheidung von teilweise ziseliertem Blattgold und Pinselgold in den 47 Miniaturen und den Bordüren wiedergegeben. Funkelndes Gold fand auch Verwendung in den mehr als 360 Zierinitialen und in jedem Schmuckrahmen der Textseiten. Kunstvolle, zum Teil mit Gold gehöhte Kadellen veredeln die Kalligraphie.

Die getreue Replik des Originaleinbands

Das Faksimile wird von einem purpurfarbenen Samteinband geschützt, einer getreuen Replik des heutigen Originaleinbands. Er besitzt zwei vergoldete Schließen sowie auf der Vorder- wie auf der Rückseite jeweils vier vergoldete Eckbeschläge und ein verziertes Medaillon. Ein edler Pinselgoldschnitt, der mit einer feinen Ziselierung versehen wurde, vollendet das bibliophile Meisterwerk.

Der Kommentarband

Das Gebetbuch Karls des Kühnen war für den renommierten Kunsthistoriker Antoine de Schryver die Passion seines Lebens. Die Frucht seiner profunden Forschungen präsentiert der umfangreiche wissenschaftliche Kommentar, der anschaulich in die Zeit der Burgunder und das Werk einführt.

Die Faksimile-Edition wird in einem Schuber aus Acrylglas geliefert, der das Werk zugleich schützt und zur Geltung bringt.

Technische Daten

Format: 12,4 x 9,2 cm
Umfang: 318 Seiten
Auflage: 980 Exemplare
Das Faksimile wird von einem purpurfarbenen Samteinband geschützt, einer getreuen Replik des heutigen Originaleinbands. Er besitzt auf Vorder- und Rückseite jeweils vier vergoldete Eckbeschläge, ein vergoldetes Medaillon sowie zwei vergoldete Schließen.
Fol. 15v: Der heilige Michael im Kampf gegen die Teufel. Im orange­farbenen Wolkenband ist der leere Thron Luzifers zu sehen, die Nieder­lage der aufständischen Engel zeigt sich weiter hinten in ihrem Sturz.
Fol. 26r:eine der schönsten Christo­phorus-Darstellungen der Kunst­geschichte. Lieven van Lathem verlegte die Szene in ein kunstvoll, doch realitätsnah komponiertes Landschaftsidyll.
Fol. 68r: Der Herzog Karl der Kühne kniet in einer Kirche unter dem Schutz eines Engels. Er richtet sein Gebet an den Heiligen Georg, der auf der links gegenüberliegenden Seite abgebildet ist.