Petites Heures – Das Stundenbuch des Herzogs von Berry

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Der aufgeschlagene Band zeigt die Miniaturen auf fol. 140v/141r: links die Gefangennahme Christi und der Judaskuss, rechts oben die Kreuzabnahme und unten die Auferstehung.

Petites Heures – Das Stundenbuch des Herzogs von Berry

14. Jahrhundert – Bibliothèque nationale, Paris, Ms.lat.18014

Das Stundenbuch, eines der großartigsten Zeugnisse spätmittelalterlicher Kunst, wurde um 1372 vom Herzog von Berry in Auftrag gegeben. Generationenübergreifend von den bedeutendsten Buchmalern der Zeit gestaltet, ist die Fülle des opulenten Bilderschmucks mit reichlich Gold und Silber kaum mit einem anderen Werk vergleichbar.


Eine königliche Bilderhandschrift


Das »Kleine Stundenbuch« ­ ein großes Kunstwerk

Die bedeutendsten Buchmaler des ausgehenden 14. Jahrhunderts haben im Auftrag des Herzogs von Berry ein Kunstwerk geschaffen, das wegen der Reichhaltigkeit und Feinheit der Malerei von Wissenschaftlern und Kunstexperten als eines der großartigsten Zeugnisse spätmittelalterlicher Kunst bewertet wird.

Die Schrift- und Miniaturseiten dieses prächtigen Stundenbuches sind durchweg mit filigranen Ranken, Vögeln und Schmetterlingen ausgeschmückt. Kaum ein anderes Werk dieser Gattung weist eine solche Fülle an Bilderschmuck auf.

Der Herzog von Berry ­ – Mäzen und größter Kunstsammler seiner Zeit

Geboren 1340, war der Herzog von Berry Sohn, Bruder und Onkel von drei französischen Königen. Durch diese verwandtschaftlichen Beziehungen und auch als regierender Herzog über einen bedeutenden Teil der französischen Kernlande besaß er eine Stellung, die ihm einen Platz in nächster Nähe der großen Fürsten seiner Zeit einräumte.

Die Welt des Herzogs von Berry war eine Welt voller Kriege, Aufruhr und Unruhen: Krieg mit England, das große Schisma der Christenheit und blutige innere Kämpfe in Frankreich. Auch der Herzog wurde immer wieder in die politischen Geschehnisse verwickelt, obwohl er selbst ganz andere Interessen hatte.

Der Duc de Berry war schon in jungen Jahren ein Förderer begabter Künstler seiner Zeit. Er gab Anregungen und vergab Aufträge, stellte finanzielle Mittel zur Verfügung und war ein leidenschaftlicher Kunstsammler und der größte Bibliophile des Mittelalters. Der künstlerische Wert seiner Handschriftensammlung übertraf bei Weitem alles, was andere Fürstenhäuser zu jener Zeit ihr Eigen nannten. Der Herzog verstarb am 15. Juni 1416 im Alter von 75 Jahren.

Generationenübergreifendes Meisterwerk

Um 1372 gab der Herzog von Berry die Petites Heures in Auftrag. Schließlich sollten insgesamt fünf Buchmaler an ihrer Ausgestaltung beteiligt sein. Die Zusammenarbeit zwischen Künstlern war damals nichts Außergewöhnliches; aber diese fünf Buchmaler erreichten ein Ergebnis, wie man es kaum in einer Bilderhandschrift jener Zeit sieht.

Zunächst wurde der große Jean Le Noir mit der Ausführung betraut, der seit 1340 die Buchmalerei in Frankreich bestimmte und, was für einen Künstler zu jener Zeit ungewöhnlich war, noch nach fast 40 Jahren künstlerische Höchstleistungen vollbrachte. Er schuf in der berühmten Maltradition des Jean Pucelle den Passionszyklus, das Einleitungsbild zu den Bußpsalmen und die Szenen aus dem Offizium Johannes des Täufers. Er hat aber auch viele der anderen Miniaturen entscheidend mitgeprägt. Denn obwohl sie von seinen Nachfolgern fertiggestellt wurden, lassen sie noch deutlich seine Kompositionsweise erkennen. Nach dem Tod des Jean Le Noir wurde die Arbeit an der Handschrift für einige Jahre unterbrochen.

In einem zweiten Arbeitsabschnitt wurde der berühmte Jacquemart de Hesdin mit einigen Mitarbeitern, dem »Meister der Dreifaltigkeit« sowie dem sogenannten Pseudo-Jacquemart, beauftragt, das Werk zu vollenden, vermutlich zwischen 1385 und 1390. Um 1410, also lange nach der Fertigstellung der Handschrift, ließ der Herzog noch eine Miniatur durch einen der Brüder Limburg einfügen.

Wegen dieser Unterbrechungen stellen die Petites Heures eines der wesentlichen Werke spätmittelalterlicher Buchmalerei am Wendepunkt zwischen der ausgehenden französischen Hofkunst des 14. Jahrhunderts und dem Beginn der Internationalen Gotik dar.

Bilder in vollendeter Schönheit und rekordverdächtiger Anzahl

Liebevoll bis ins kleinste Detail wurde jedes Blatt gestaltet. So entstand in diesem herrlichen Buch eine wahre Galerie von Bildern in einer Anzahl, die jedem Museum heute zur Ehre gereichen würde: ­ 119 Miniaturen finden sich in diesem außergewöhnlichen Werk. Die feinen Darstellungen dienten als kunstvolle visuelle Unterstützung, mit der die Buchmaler den Andachtstext zur Geltung brachten.

Die Bilder bringen die großen Themen des christlichen Glaubens. Ihre Reihe beginnt mit den Miniaturen des Kalendariums und führt über das Marienleben und die Passion Christi zu den Szenen der vom Herzog besonders verehrten Heiligen.

Reiche Ausstattung in Gold und Silber

Die zahlreichen Darstellungen des Gönners selbst verleihen der Prachthandschrift einen weitgehend persönlichen Charakter. Es gibt viele Hinweise darauf, dass der Herzog dieses Stundenbuch auf seinen häufigen Reisen immer bei sich hatte.

Der verschwenderische Buchschmuck setzt sich aus einer Vielzahl von Motiven zusammen: prächtigen Versinitialen auf fast jeder Seite, herrlichem Rankenwerk, unzähligen Vögeln und Schmetterlingen.

Für die Ausschmückung der 119 Miniaturseiten wurde reichlich Gold und Silber verwendet – ­ denn nur das Beste war gut genug für die Ausschmückung des herzoglichen Stundenbuches.

Die Faksimile-Edition ­ – Wiedergeburt eines Kunstschatzes

Die Faksimilierung aller 586 Seiten der Bilderhandschrift im Originalformat von 21,0 x 14,5 cm ­ mit 119 reich gold- und silbergeschmückten Miniaturseiten sowie weiteren über 300 prächtig verzierten Seiten ­ erfolgt in einer weltweit limitierten Auflage von nur 980 Exemplaren. Der prachtvolle schwarze Ganzledereinband, auf fünf echte Bünde geheftet, ist mit Goldprägung versehen. Die beschnittenen Doppelblätter wurden auf allen drei Seiten mit Goldschnitt versehen. Das Kapital ist handumstochen.

Der Kommentarband

Der Kommentarband beschreibt auf 460 Seiten die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Handschrift. Die Bearbeitung erfolgte durch François Avril, den Konservator der Handschriftenabteilung der Bibliothèque nationale. Weitere Beiträge stammen von Louisa Dunlop und von Brundson Yapp.

Faksimile- und Kommentarband werden in einer schützenden Acrylglaskassette geliefert.

Technische Daten

Format: 21,0 x 14,5 cm
Umfang: 586 Seiten
Auflage: 980 Exemplare
Fol. 42v: Anbetung der drei Weisen. Ikonographisch zeigt die Szene einige Besonderheiten, auch der Zusammenklang der Blau- und Orangetöne sind in der zeitgenössi­schen französischen Malerei und Buchmalerei ohne Parallele.
Fol. 207r: Die Geburt Johannes des Täufers (Lk 1,57-64); Jean Le Noir. Elisabeth ruht auf ihrem Lager und betrachtet das von einer Hebamme gehaltene Kind. Rechts Zacharias, der Vater des Knaben, der bestätigt, dass das Kind Johannes heißen soll.